Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder lobt das österreichische Modell als langjähriges Erfolgsmodell, das den Führerschein angeblich billiger machen würde. Ein Blick in die Realität sagt etwas völlig anderes.
Modell L17 - Österreich
Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: Der Führerschein wird mit dem Modell aus Österreich keineswegs günstiger. Der Ausbildungsweg ist komplett anders strukturiert und endet nicht mit der Fahrprüfung. Er erfordert danach zwingend weitere Überprüfungsfahrten sowie ein spezielles Fahrsicherheitstraining.
An konkreten Beispielen werde ich aufzeigen, dass die Kosten in Österreich beim gesetzlich vorgeschriebenen Gesamtweg sogar deutlich höher liegen als in Deutschland. Da auch in Österreich die Preise der Fahrschulen stark variieren, verteuert sich der komplett abgeschlossene Führerschein erheblich – die 3.000-Euro-Grenze wird dabei schnell erreicht oder sogar überschritten.
In der Debatte um die Kosten der Fahrausbildung wird oft suggeriert, Deutschland liege preislich an der Spitze. Ein detaillierter Blick auf die Realität in Österreich, speziell im Bereich des L17-Modells, revidiert dieses Bild jedoch deutlich. Hier offenbaren sich Geschäftsmodelle, die in Deutschland aufgrund des hohen Dienstleistungsanspruchs der Fahrschulen kaum vorstellbar wären.
Die Tarifgestaltung: Wenn die Uhrzeit den Preis bestimmt
Ein besonders markantes Beispiel für die finanzielle Belastung der Fahrschüler findet sich in der Preisgestaltung einiger Ballungszentren. So arbeitet etwa die Wiener Fahrschule „Campus“ mit einem Zeitmodell, das die Hauptklientel – Schüler und Auszubildende – strukturell benachteiligt. Während eine reguläre Fahrstunde (50 Minuten) nominell mit 70,– € berechnet wird, greift bereits ab 16:25 Uhr eine Staffelung:
Nachmittagszuschlag: Ab 16:25 Uhr erhöht sich der Preis um 10,– € pro Einheit.
Abendzuschlag: Ab 20:00 Uhr wird ein Aufschlag von 30,– € pro Einheit fällig.
In einem Berufsstand, der davon lebt, seine Kunden dann auszubilden, wenn diese Zeit haben (also nach Schul- oder Dienstschluss), wirkt eine solche Aufpreispolitik wie eine Gebühr auf die Schulpflicht.
Quelle: Fahrschule Campus, Wien (siehe Linkliste)
Nutzt ein Fahrschüler jedoch die Stunden nach 16:25 Uhr – was für die meisten Schüler die Regel sein dürfte –, steigt die Summe allein durch die Zuschläge auf 1.929,– €. Bei Terminen ab 20:00 Uhr klettert die Endabrechnung sogar auf 2.169,– €.
Rätselhaft ist der "Aufschlag für die Klasse B Ausbildung". Eine Grundgebühr mit 479,- Euro auszuzeichnen wäre zumindest ehrlich gewesen.
Fehlende Transparenz trotz Lockangeboten
Zynisch wirkt in diesem Zusammenhang der Hinweis auf „gratis Üben“. Es bleibt völlig unklar, ob sich dies auf Simulatorstunden oder lediglich auf die Nutzung einer Lern-App in den Räumen der Fahrschule bezieht. Während solche Marketing-Begriffe Transparenz suggerieren, führen sie in der Praxis zu einer gesalzenen Schlussrechnung, die den eigentlichen Ausbildungswert nicht erhöht, sondern lediglich die Verfügbarkeit des Fahrlehrers außerhalb klassischer Bürozeiten bepreist.
In Deutschland würde ein solches Gebaren, bei dem ein Dienstleister seine Kunden für deren notwendige zeitliche Gebundenheit finanziell sanktioniert, zu Recht massiv kritisiert werden. Es zeigt deutlich, dass das oft gelobte österreichische Modell bei genauerem Hinsehen erhebliche ökonomische Tücken für die Betroffenen bereithält.
Infrastruktur der Theorieprüfung: Effizienz gegen Aufpreis
Ein wesentlicher Unterschied zwischen dem deutschen und dem österreichischen Ausbildungssystem offenbart sich bei der Abwicklung der theoretischen Computerprüfung. Hier zeigt sich eine Flexibilität, die für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich ist, da die staatliche Trennung von Ausbildung und Prüfung in Österreich teilweise aufgehoben scheint.
Prüfung am Ort der Ausbildung
In Deutschland ist die Theorieprüfung ein hoheitlicher Akt, der an zentrale Organisationen wie den TÜV oder die DEKRA gebunden ist. In Österreich hingegen findet die Prüfung direkt in den Räumlichkeiten der Fahrschule statt. Während in Deutschland pro Prüfungstermin eine strikte Begrenzung auf maximal 12 Teilnehmer gilt, um eine neutrale Aufsicht zu gewährleisten, scheint es in österreichischen Fahrschulen kaum Kapazitätsbeschränkungen zu geben.
Dies führt zu einem klaren organisatorischen Vorteil:
Beschleunigte Termine: Durch die Nutzung der schuleigenen Infrastruktur entfallen die oft monatelangen Wartezeiten auf Prüfungsslots bei zentralen Prüfstellen.
Wegfall der Logistik: Fahrschüler müssen keine fremden Prüfstellen aufsuchen, sondern verbleiben in ihrer gewohnten Lernumgebung.
Die ökonomische Kehrseite
Dieser Effizienzgewinn wird jedoch nicht als Kostenvorteil an die Kunden weitergegeben. Im Gegenteil: Mit einer Gebühr von 120,– € pro PC-Prüfung liegt der Preis massiv über den deutschen Gebührensätzen (TÜV Nord/ Süd und Dekra verlangen 29,99,- Euro).
Besonders kritisch ist hierbei die Kosten-Nutzen-Rechnung zu betrachten: Die Fahrschule stellt lediglich Räumlichkeiten und Computer zur Verfügung, die für den regulären Unterricht ohnehin vorhanden sind. Ein externer Prüfer ist zwar anwesend, doch der gesamte apparative Aufwand einer zentralen Organisation entfällt.
Man muss den österreichischen Nachbarn diese organisatorische Überlegenheit bei der Terminvergabe neidlos eingestehen – es ist ein System, das Geschwindigkeit priorisiert. Doch bei einer Gebühr von 120,– € stellt sich die Frage, ob hier nicht die Entbürokratisierung primär dazu genutzt wird, die Margen im Fahrschulbetrieb deutlich zu erhöhen.
Der hausgemachte Prüfungsstau in Deutschland: Behörden-Bürokratie als Bremsschuh
In den Entwürfen der politischen Ad-hoc-Arbeitsgruppe wird oft der "Prüfungsstau" als Argument für eine radikale Neuausrichtung des Systems angeführt. Doch wer die Ursachenforschung ernst meint, darf nicht nur auf die Ausbildung schauen, sondern muss die Realität in den Straßenverkehrsbehörden und bei den Prüforganisationen beleuchten.
Das Erbe der Pandemie: Termine als Hürde
Seit der Corona-Zeit hat sich bei vielen Führerscheinstellen eine Praxis etabliert, die aus Kundensicht schlichtweg eine Unverschämtheit darstellt: Die reine Abgabe eines Führerscheinantrags ist nur noch mit einem vorab gebuchten Termin möglich.
Früher: Fahrschulen konnten gesammelte Anträge unkompliziert einreichen; die Bearbeitung lief parallel.
Heute: Seit der Corona-Pandemie müssen zunächst Abgabetermine für die Anträge vereinbart werden. Die Zeiten der schnellen Abgaben sind vorbei. Zwei bis drei Wochen Wartezeit sind mittlerweile völlig normal. Berücksichtigt man dann noch die Bearbeitungszeit, die schnell vier bis sechs Wochen dauern kann, kann man nur noch fassungslos sein.
Hinzu kommt die starre Limitierung der theoretischen Prüfplätze. Wenn pro Durchgang maximal 12 Fahrschüler geprüft werden dürfen, ergibt sich bei einer normalen Prüfungswoche ein Kontingent von lediglich 60 Plätzen. Angesichts der hohen Schülerzahlen in Ballungsräumen ist dies ein rechnerischer Offenbarungseid.
Anstatt jedoch diese hausgemachten Kapazitätsprobleme zu lösen – etwa durch eine Aufstockung des qualifizierten Personals bei TÜV und Dekra oder eine Modernisierung der behördlichen Abläufe –, scheint Minister Schnieder den Weg des geringsten Widerstands zu gehen.
Systemwechsel statt Strukturreform
Die "Lösung" der Politik besteht offenbar darin, das bewährte deutsche System der Trennung von Ausbildung und Prüfung aufzuweichen. Das österreichische Modell zeigt, wo die Reise hingehen könnte: Prüfungen in der Fahrschule ohne Teilnehmerlimit, dafür zu horrenden Gebühren von 120,– €.
Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier Unfähigkeit in der Verwaltung durch eine Privatisierung der Prüfungsrendite ersetzt werden soll. Das Problem wird nicht gelöst, sondern lediglich auf die Geldbörsen der Fahrschüler verlagert.
Modell BF17 - Deutschland
Warum die deutsche Ausbildung ein Qualitätsversprechen ist
In der aktuellen Debatte um die Führerschein-Reform wird oft so getan, als sei das deutsche Modell „Begleitetes Fahren ab 17“ (BF17) veraltet oder zu bürokratisch. Doch wer den Prozess einmal genau betrachtet, erkennt:
Der Weg zum Führerschein: Handwerk statt Glücksspiel
In Deutschland ist der Ablauf klar strukturiert. Während der Bearbeitungszeit des Antrags starten wir bereits mit der Theorie und den ersten Übungsfahrten. Der Curriculare Leitfaden besteht darauf das der theoretische Untericht und die praktischen Fahrstunden miteinander verzahnt werden sollen*. Sobald der Antrag genehmigt ist und die 14 Unterrichtseinheiten absolviert wurden, geht es zur Theorieprüfung.
Fahrschüler-Ausbildungsordnung
§ 5 Praktischer Unterricht
- 1.
- die Unterweisung nach Absatz 5,
- 2.
- Anleitung und Hinweise vor, während und nach der Durchführung der Fahraufgaben sowie
- 3.
- Nachbesprechung und Erörterung des jeweiligen Ausbildungsstandes.
Aber: Niemand wird bei uns ins kalte Wasser geworfen. Erst nach einer Prüfungssimulation mit einem akzeptablen Ergebnis buchen wir den Termin. Bis dahin haben wir im Idealfall schon einige Sonderfahrten absolviert, sodass wir nach der Theorie direkt die Zielgerade für die praktische Prüfung planen können.
Die "härteste" Generalprobe: Die Prüfungssimulation
Wir überlassen nichts dem Zufall. Bevor es ernst wird, besprechen wir im Detail, was noch wiederholt werden muss. Den Abschluss bildet am Tag vor der Prüfung eine knackige Simulation. Mein persönlicher Ansatz dabei: Diese Generalprobe ist bewusst schwieriger, als es ein Prüfer jemals verlangen würde.
Warum? Um Übermut vorzubeugen und die Sinne zu schärfen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ich erinnere mich an eine Simulation, bei der ich den Prüfer gab. Der Fahrschüler war technisch brillant und parkte perfekt ein.
Technisch gesehen hatte er recht. Jeder Prüfer hätte ihm für die Leistung den Führerschein gegeben. Doch mein Einwand war ein anderer: Er hatte sich zu 100 % auf die Rückfahrkamera und die Sensoren verlassen. Wer beim Rückwärtsfahren nicht mehr körperlich durch das Heckfenster schaut, verlernt das Handwerk. Nicht jeder Fahrschüler kann sich nach der Prüfung ein hochmodernes Auto leisten. Ohne den Blick nach hinten ist die Sicherheit nicht verhandelbar.
Das Ziel: Sicher Autofahren, ein Leben lang.
Das Ergebnis dieser „strengen“ Schule? Am nächsten Tag bestand der Schüler ohne jegliche Beanstandung.
Jeder Fahrlehrer hat seinen eigenen Stil. Doch am Ende zählt nur eines: Dass unsere Fahrschüler möglichst beim ersten Mal bestehen – nicht, weil sie Glück hatten, sondern weil sie es können. Wir bilden keine „Prüfungsgewinner“ aus, sondern zukünftige sichere Autofahrer, die das Gelernte niemals vergessen.
Im nächsten Artikel werde ich beweisen, dass das österreichische Modell (L17), das von Minister Patrick Schnieder so hochgelobt wird, in Wahrheit sehr teuer werden kann. Wer glaubt, dort sei alles einfacher und billiger, sollte sich anschnallen: Ein Führerschein kann dort schnell an die 5.000-Euro-Grenze kommen.
Warum das so ist? Das erfahrt ihr im nächsten Teil.





Kommentare
Kommentar veröffentlichen